Begutachtung zum Pflegegrad: Was gefragt wird und wie du dich vorbereitest
Bei der Begutachtung prüft eine Gutachterin oder ein Gutachter, wie selbständig der Mensch im Alltag noch ist. Beim ersten Antrag geschieht das in der Regel zu Hause und dauert oft rund eine Stunde. Am Ende stehen Punkte zwischen 0 und 100, aus denen die Kasse den Pflegegrad ableitet.

| Modul | Gewicht |
|---|---|
| Mobilität | 10 Prozent |
| Kognitive und kommunikative Fähigkeiten | 15 Prozent |
| Verhaltensweisen und psychische Problemlagen | 15 Prozent |
| Selbstversorgung | 40 Prozent |
| Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen | 20 Prozent |
| Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte | 15 Prozent |
Wer begutachtet
Für gesetzlich Versicherte kommt der Medizinische Dienst, früher MDK genannt. Bei privat Versicherten übernimmt das Medicproof. Manchmal beauftragt die Kasse auch unabhängige Gutachter. Die Gutachter sind meist Pflegefachkräfte, manchmal Ärzte.
Den Termin kündigen sie schriftlich an. Passt er nicht, ruf sofort an und bitte um einen neuen, damit sich der Bescheid nicht unnötig verzögert.
Zu Hause, am Telefon oder per Video
Beim ersten Antrag auf einen Pflegegrad findet die Begutachtung grundsätzlich in der Wohnung statt. Bei einer Höherstufung oder einer Wiederholungsbegutachtung darf der Medizinische Dienst auch ein strukturiertes Telefoninterview führen oder per Video begutachten. Wer das nicht möchte, kann einen Hausbesuch verlangen. Das lohnt sich vor allem bei Demenz, weil am Telefon vieles nicht sichtbar wird.
In Ausnahmen wird nach Aktenlage entschieden, etwa wenn die Unterlagen eindeutig sind oder ein Besuch nicht zumutbar ist.
Was im Gespräch passiert
Die Gutachterin geht die sechs Module durch: Mobilität, geistige Fähigkeiten, Verhalten, Selbstversorgung, Umgang mit Krankheit und Therapie, Alltag und Kontakte. Sie fragt nach, lässt sich manches zeigen, etwa das Aufstehen aus dem Sessel, und spricht mit den Angehörigen. Auch Haushalt und Wege außer Haus kommen zur Sprache, sie zählen aber nicht für den Pflegegrad.
Zum Schluss prüft sie, welche Hilfsmittel, Pflegehilfsmittel oder Umbauten sinnvoll wären und ob eine Reha helfen könnte. Stimmt ihr den Empfehlungen zu, gelten sie als Antrag. Ihr müsst sie dann nicht noch einmal eigens beantragen.
Den normalen Alltag zeigen, nicht den guten Tag
Viele ältere Menschen reißen sich beim Besuch zusammen und sagen, dass alles noch geht. Dieser Vorführeffekt kostet Punkte. So beugst du vor:
- Sprich vorher mit Mutter oder Vater darüber, dass es um ehrliche Antworten geht.
- Sei beim Termin dabei und ergänze freundlich, wenn etwas geschönt wird.
- Was du vor dem Vater nicht sagen möchtest, etwa zu Inkontinenz oder Verwirrtheit, schreib auf einen Zettel und gib ihn der Gutachterin.
- Leg Pflegetagebuch, Medikamentenplan und Arztbriefe bereit.
- Räum nicht extra auf und stell Hilfsmittel nicht weg. Die Wohnung soll aussehen wie an einem normalen Tag.
Wer vorher im Pflegegrad-Rechner die Fragen durchgeht, weiß, worauf es ankommt, und vergisst im Gespräch weniger.
Nach der Begutachtung
Das Gutachten geht an die Pflegekasse, die den Bescheid schreibt. Mit dem Bescheid bekommt ihr auch das Gutachten, sofern ihr dem nicht widersprochen habt. Lies es Modul für Modul: Steht dort „selbständig“, wo in Wahrheit täglich geholfen wird, ist das ein Grund für einen Widerspruch. Dafür bleibt ein Monat Zeit.
Wie oft neu begutachtet wird
Eine feste jährliche Begutachtung gibt es nicht, auch nicht bei Pflegegrad 3 oder 4. Eine Wiederholung setzt die Kasse an, wenn die Gutachterin empfiehlt, nach einiger Zeit neu zu prüfen, etwa weil nach einer Reha eine Besserung möglich ist. Bei Kindern kommt das häufiger vor.
Nicht verwechseln: Wer nur Pflegegeld bekommt, muss sich jedes halbe Jahr zu Hause beraten lassen. Dieser Beratungsbesuch ist keine Begutachtung und entscheidet nicht über den Pflegegrad. Auch für einen Zuschuss zum Umbau der Wohnung schickt die Kasse manchmal den Medizinischen Dienst oder eine Pflegefachkraft, um den Bedarf zu prüfen.
Häufige Fragen
Wie lange dauert die Begutachtung?
Meist etwa eine Stunde, bei schwierigen Situationen auch länger. Am Telefon oder per Video geht es oft schneller. Plan genug Zeit ein, damit nichts unter Zeitdruck untergeht.
Darf ich bei der Begutachtung dabei sein?
Ja, und das ist sogar sinnvoll. Angehörige kennen den Alltag und können ergänzen, was der Pflegebedürftige selbst nicht sagt. Auch eine Person vom Pflegedienst darf dabei sein.
Gibt es einen Pflegegrad ohne Begutachtung?
Nur in Ausnahmen. Dann entscheidet die Kasse nach Aktenlage, etwa wenn die Unterlagen alles eindeutig zeigen. In der Regel gibt es ohne Begutachtung keinen Pflegegrad.
Wird bei Pflegegrad 3 jedes Jahr neu begutachtet?
Nein, eine jährliche Pflicht gibt es nicht. Neu begutachtet wird nur, wenn es im Gutachten empfohlen wurde oder wenn ihr eine Höherstufung beantragt.
Ist eine telefonische Begutachtung ein Nachteil?
Nicht unbedingt, aber am Telefon sieht niemand, wie mühsam das Aufstehen ist. Bei Demenz oder vielen Einschränkungen ist ein Hausbesuch meist besser. Du kannst ihn verlangen, und auch nach einer telefonischen Begutachtung ist ein Widerspruch möglich.
Kann ich nach einem Widerspruch eine neue Begutachtung verlangen?
Du kannst im Widerspruch darum bitten, dass erneut und diesmal zu Hause begutachtet wird. Die Kasse entscheidet, ob ein neues Gutachten nötig ist. Oft wird nach dem Widerspruch noch einmal geprüft, manchmal nur nach Aktenlage.