Pflegegrad beim Kind: Was zählt und was die Eltern bekommen
Auch ein Kind bekommt einen Pflegegrad, wenn es deutlich mehr Hilfe braucht als ein gesundes Kind im gleichen Alter. Nicht die Diagnose entscheidet, sondern der zusätzliche Aufwand im Alltag. Ab Pflegegrad 2 zahlt die Pflegekasse Pflegegeld von 347 € bis 990 € im Monat, das Geld geht an die Eltern.

Der Maßstab ist ein gesundes Kind im gleichen Alter
Ein Zweijähriges zieht sich nicht allein an, das ist normal und bringt keine Punkte. Gezählt wird nur, was über die Hilfe hinausgeht, die jedes Kind in diesem Alter braucht. Die Gutachterin fragt also: Was kann ein gesundes Kind mit drei, sechs oder zehn Jahren schon allein, und was kann euer Kind nicht?
- Ein sechsjähriges Kind geht in der Regel allein zur Toilette. Braucht euer Kind dabei noch Hilfe oder Windeln, zählt das.
- Ein Achtjähriges spielt eine Weile allein im Zimmer. Muss euer Kind ständig beaufsichtigt werden, weil es Gefahren nicht erkennt, zählt das.
- Kein gesundes Kind braucht nachts Blutzuckermessungen, täglich Inhalationen oder jede Woche Termine in der Therapie. Solche Aufgaben zählen im Modul für Krankheit und Therapie.
Ab etwa 11 Jahren wird im Wesentlichen wie bei Erwachsenen bewertet, weil gesunde Kinder dann fast alles im Alltag selbst können. Die Punkte laufen wie bei allen von 0 bis 100 durch dieselben sechs Module. Was die einzelnen Module abfragen, erklärt die Seite zur Begutachtung.
Babys und Kleinkinder bis 18 Monate: ein Grad höher
Ein Baby braucht bei allem Hilfe, ob gesund oder krank. Deshalb gelten bis zum Alter von 18 Monaten eigene Regeln. Die Gutachterin schaut nur auf zwei Bereiche: auffälliges Verhalten und den Aufwand durch Krankheit und Therapie, etwa Sondenernährung, Absaugen, Sauerstoff, Medikamente oder viele Termine in der Klinik. Dazu kommt die Frage, ob es beim Füttern so große Probleme gibt, dass außergewöhnlich viel Hilfe nötig ist.
Weil so nur ein Teil des Alltags erfasst wird, werden Kinder bis 18 Monate einen Pflegegrad höher eingestuft, als ihre Punkte ergeben. Ergeben die Punkte Pflegegrad 2, gibt es Pflegegrad 3. Nach dem 18. Lebensmonat wird nach den normalen Punktgrenzen eingestuft, eine neue Begutachtung ist dafür nicht nötig. Die Gutachterin kommt erst wieder, wenn sich am Bedarf etwas Wesentliches ändert oder die Kasse eine Wiederholung angesetzt hat.
Den Antrag könnt ihr schon kurz nach der Geburt stellen, auch aus der Kinderklinik. Leistungen gibt es ab dem Monat, in dem der Antrag bei der Pflegekasse eingeht.
So bereitet ihr die Begutachtung vor
Bei Kindern unter 14 Jahren gibt es keine Begutachtung am Telefon, die Gutachterin kommt zu euch. Sie sieht euer Kind etwa eine Stunde lang, oft an einem ruhigen Vormittag. Viele Kinder zeigen sich bei Fremden von ihrer besten Seite. Deshalb zählt, was ihr vorher aufschreibt.
- Pflegetagebuch über zwei Wochen: Notiert alles, was ihr mehr macht als bei einem gesunden Kind. Nächtliches Aufstehen, Medikamente, Messungen, Anleitung beim Anziehen, Hilfe beim Essen, Wutanfälle, Weglaufen, Termine bei Ärzten und Therapeuten.
- Schlechte Tage beschreiben: Wie oft kommen sie vor, und was geht dann nicht? Ein guter Tag bei der Begutachtung ändert nichts daran, dass der Alltag anders aussieht.
- Unterlagen bereitlegen: Arztbriefe, Entlassberichte, Berichte der Frühförderung, von Kita oder Schule, von Logopädie, Ergotherapie oder Physiotherapie, den Medikamentenplan und, falls vorhanden, den Bescheid über die Schwerbehinderung.
Manches lässt sich schwer vor dem Kind sagen. Du kannst der Gutachterin einen Zettel geben oder sie bitten, kurz ohne das Kind zu sprechen. Ist eine zweite Person dabei, die den Alltag kennt, hilft das beim Erinnern.
Was die Familie mit Pflegegrad bekommt
Das Pflegegeld steht dem Kind zu und wird an die Eltern überwiesen. Ihr dürft es frei verwenden, etwa für Betreuung, Fahrten oder um beruflich kürzerzutreten. Im Monat sind es 347 € bei Pflegegrad 2, 599 € bei Pflegegrad 3, 800 € bei Pflegegrad 4 und 990 € bei Pflegegrad 5. Dazu kommen:
- Der Entlastungsbetrag von 131 € im Monat, schon ab Pflegegrad 1, für anerkannte Angebote wie familienentlastende Dienste oder eine Haushaltshilfe.
- Der Jahresbetrag von 3.539 € für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege. Damit kann zum Beispiel die Oma stundenweise einspringen, oder ihr nutzt ihn im Urlaub. Wie das geht, steht bei der Verhinderungspflege.
- Pflegehilfsmittel zum Verbrauch für 42 € im Monat, etwa Handschuhe oder Bettschutzeinlagen.
- Bis zu 4.180 € je Umbau, wenn die Wohnung angepasst werden muss.
- Rentenbeiträge für den Elternteil, der pflegt: ab Pflegegrad 2, bei mindestens 10 Stunden Pflege an mindestens 2 Tagen in der Woche und höchstens 30 Stunden eigener Arbeit. Mehr dazu unter Rente für pflegende Angehörige.
Wer nur Pflegegeld bezieht, muss sich einmal im Halbjahr zu Hause beraten lassen. Der Besuch ist kostenlos und oft nützlich, weil die Beraterin Hilfen kennt, die ihr noch nicht nutzt.
Steuer, Jobcenter und getrennte Eltern
Eltern, die ihr Kind pflegen, können den Pflege-Pauschbetrag in der Steuererklärung nutzen: 600 € im Jahr bei Pflegegrad 2, 1.100 € bei Pflegegrad 3 und 1.800 € bei Pflegegrad 4 und 5. Anders als bei anderen Angehörigen schadet es hier nicht, dass ihr das Pflegegeld bekommt. Hat das Kind einen Grad der Behinderung, lässt sich auch sein Behinderten-Pauschbetrag auf die Eltern übertragen.
Das Pflegegeld selbst ist steuerfrei und gehört nicht in die Steuererklärung. Beim Grundsicherungsgeld, früher Bürgergeld, und beim Wohngeld zählt es nicht als Einkommen. Gepfändet werden darf es nicht. Auf einem Pfändungsschutzkonto lässt sich der geschützte Betrag mit einer Bescheinigung erhöhen.
Leben die Eltern getrennt, nimmt in der Regel der Elternteil das Pflegegeld entgegen, bei dem das Kind lebt und gepflegt wird. Teilen sich beide die Pflege, braucht es eine Absprache, wofür das Geld verwendet wird. Beim Unterhalt bleibt das Pflegegeld grundsätzlich außen vor, es gibt aber Ausnahmen. Bei Streit darüber lohnt eine Beratung.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter kann ein Kind einen Pflegegrad bekommen?
Es gibt kein Mindestalter. Schon Babys können einen Pflegegrad bekommen, bis 18 Monate sogar einen Grad höher, als ihre Punkte ergeben. Den Antrag könnt ihr direkt nach der Geburt stellen, auch aus der Klinik.
Wer bekommt das Pflegegeld für ein minderjähriges Kind?
Der Anspruch gehört dem Kind, ausgezahlt wird an die Eltern als seine gesetzlichen Vertreter. Ihr entscheidet, wofür ihr das Geld einsetzt. Einen Nachweis über die Verwendung verlangt die Kasse nicht.
Welchen Pflegegrad bekommt ein Kind mit ADHS, Autismus oder Diabetes?
Einen festen Grad für eine Diagnose gibt es nicht. Es zählt, wie viel mehr Hilfe euer Kind braucht als Gleichaltrige. Was bei einzelnen Krankheiten typischerweise zählt, steht zum Beispiel beim Pflegegrad bei ADHS.
Hat ein Pflegegrad für das Kind Nachteile?
Im Alltag kaum. Wer nur Pflegegeld bekommt, muss jedes halbe Jahr den Beratungsbesuch abrufen, sonst kann die Kasse das Pflegegeld kürzen. Mit dem Alter kann sich der Grad bei einer neuen Begutachtung ändern, nach oben oder unten.
Muss ich das Pflegegeld für mein Kind in der Steuererklärung angeben?
Nein, es ist steuerfrei. Nutzen könnt ihr aber den Pflege-Pauschbetrag, den Eltern trotz Pflegegeld bekommen, bei Pflegegrad 4 und 5 sind das 1.800 € im Jahr.
Wann lohnt ein Antrag auf Höherstufung beim Kind?
Wenn euer Kind dauerhaft mehr Hilfe braucht als bei der letzten Begutachtung. Das kann auch mit dem Älterwerden passieren: Gleichaltrige werden selbständiger, euer Kind bleibt auf Hilfe angewiesen, der Abstand wächst. Führt vor dem Antrag wieder zwei Wochen Tagebuch.